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Semantische Merkmale und Prototypen

 
Wenn man Bedeutungen von Wörtern beschreiben will, dann gibt es vor allem zwei Konzepte, die verbreitet sind: das Konzept der "semantischen Merkmale" und das Konzept der "Prototypen".

Das Konzept der semantischen Merkmale geht davon aus, dass die Bedeutung von Wörtern sich aus elementaren Inhaltselementen, sogenannten semantischen Merkmalen zusammensetzt. Diese semantischen Merkmale grenzen Wortbedeutungen voneinander ab. Am Wort "Frau" lässt sich das schön aufzeigen: Das semantische Merkmal "erwachsen" grenzt "Frau" von "Mädchen" ab; das Merkmal "weiblich" grenzt "Frau" von "Mann" ab; das Merkmal "menschlich" grenzt "Frau" von "Kuh" ab; das Merkmal "lebendig" grenzt "Frau" von "Frauenstatue" ab (vgl. Schwarz/Chur, 1993, S. 37). Damit man bei einem Bedeutungsmerkmal von einem echten semantischen Merkmal sprechen kann, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: 1. semantische Merkmale kommen einem Wort notwendigerweise zu; 2. semantische Merkmale sichern die Unterscheidbarkeit von Wörtern. Die Notwendigkeit lässt sich einfach überprüfen. Man kann die "aber-Probe" anwenden. Dazu setzt man das betreffende Merkmal in einen aber-Satz, der das entsprechende Attribut verneint. Wenn dieser "aber-Satz" einen Widerspruch ergibt, ist ein notwendiges semantisches Merkmal vorhanden:
  • Hanna ist eine Frau, aber nicht langhaarig. -> Kein Widerspruch, "langhaarig" ist kein notwendiges semantisches Merkmal.
  • Hanna ist eine Frau, aber nicht erwachsen. -> Widerspruch vorhanden, deshalb ist "erwachsen" ein notwendiges semantisches Merkmal.
Zu unterscheiden sind konnotative und denotative Merkmale. Mit Denotation ist die Grundbedeutung eines Wortes gemeint. Mit Konnotation ist die Zusatzbedeutung gemeint. Konnotative Merkmale übermitteln damit zusätzliche, meist abwertende oder emotional gefärbte Informationen. Damit lassen sich ähnliche Wörter unterschiedlichen Jargon- oder Stilebenen zuordnen: abkratzen und entschlafen sind zwei Wörter, die dieselbe Grundbedeutung haben, nämlich "sterben". abkratzen ist aber die vulgäre Ausdrucksweise für sterben, entschlafen die gehobene Ausdrucksweise. Konnotative Merkmale sind zu unterscheiden von den ganz individuellen Informationen und Gefühlen, die jeder mit bestimmten Wörtern verbindet. Konnotative Merkmale sind überindividuell, werden von allen Sprachteilnehmern wahrgenommen. abkratzen ist also allgemein ein vulgärer Ausdruck.

Die Merkmalsanalyse ist zwar nicht über alle Zweifel erhaben. Aber sie ist ein brauchbares Instrument, um einen grösseren Teil des Wortschatzes sinnvoll zu beschreiben. Insbesondere lassen sich mit den semantischen Merkmalen auch Beziehungen zwischen Wörtern sinnvoll beschreiben. Vergleiche dazu das nachfolgende Thema "semantische Relationen" (>>).

Zum Konzept der Prototypen: Der Mensch hat die Angewohnheit, die Welt zu unterteilen, Elemente in bestimmte Kategorien, Gruppen, Klassen, Schubladen einzuordnen. Auch Wörter versucht man deshalb, in unterschiedliche "Schubladen" einzuordnen. Dabei geht man davon aus, dass solche Kategorien klar umgrenzt sind, die Einordnung von Wörtern in eine bestimmte Schublade also klar sei. Doch dem ist nicht so. Semantische Kategorien sind manchmal recht verschwommen. So weisen nicht alle Mitglieder der Kategorie "Spiel" dieselben gemeinsamen Merkmale auf. Der Wettbewerbscharakter ist beispielsweise nicht bei allen Spielen gegeben. Ein Kind kann ohne Wettbewerbscharakter im Sandkasten spielen. Aufgrund dieser Beobachtung hat sich die Einsicht ergeben, dass gewisse Begriffe zwar in eine Schublade gelegt werden können, dass sie zur selben "Familie" gehören können, aber dass unterschiedliche Ähnlichkeiten der Elemente vorhanden sind. Die Kategorie ist durch ein "Netz von Ähnlichkeiten" strukturiert"; die einen Mitglieder dieser Familie teilen einige der Merkmale, andere teilen wieder andere mit anderen, aber es gibt keine Merkmale, die allen Mitgliedern zukommen (vgl. Schwarz/Chur, 1993, S. 47). Damit ein Element nun zur Kategorie gehören kann, müssen einige der zugrunde liegenden Merkmale vorhanden sein. Es ist aber nicht festgelegt, welche dieser Merkmale zutreffen. Es gibt aber bestimmte Merkmale, die besonders typisch für die Kategorie sind. Wenn solche Merkmale bei einem Vertreter vorhanden sind, dann hätten wir einen typischen Vertreter dieser Kategorie. Und damit sind wir beim Konzept der Prototypen: Ein Prototyp repräsentiert einen typischen Vertreter der Kategorie. Wenn wir die Kategorie "Vogel" betrachten, dann ist ein typisches Merkmal sicher, dass ein Vogel fliegen kann; weitere typische Merkmale sind: hat Federn, legt Eier, kann singen/pfeifen. Ein Strauss wäre in dem Fall kein prototypischer Vogel, weil er nicht fliegen kann.

Die Konzepte "semantische Merkmale" und "Prototypen" schliessen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.

(Die vorausgehenden Informationen orientieren sich an Schwarz/Chur, 1993, S. 37-55.)